Stationsalltag: Hinter verschlossenen Türen

Es gibt Tage, an denen man besser nicht krank sein sollte. Zu Weihnachten etwa. Gerade da allerdings übernahm meine Verzweiflung die Oberhand, sodass mir nur noch zwei Optionen zur Wahl standen: ruhigstellende Medikamente oder die Einweisung ins Klinikum.

Nun, ins Irrenhaus. Lieber nicht! Die Schicksalsschläge der anderen würden mir bloß weiter zusetzen.

Von daher versuchte ich es mit den froschgrünen Pillen. Sie waren klein – hätten mit einem Anästhetikum aber beinahe mithalten können. Außer Schlafen war ich zu nichts mehr fähig, sodass ich den Jahreswechsel dehydriert in der Notaufnahme verbrachte. Die Tabletten schickte der Magen unverändert zurück.

Weil ich mit selbstgefährdendem Verhalten jedoch kein Fall für die Internisten war, wechselte ich einige Beschwichtigungen und Telefonate später trotzdem auf eine geschlossene Station. Die Mitbewohner redeten wirres Zeug, trugen Verbände am Arm und hatten teils pinke Haare. Zum Glück wurde meine Medikation auch bald korrigiert!

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Von wegen… Aus der Psychiatrie kommt man nie wieder heraus. Sobald man volljährig ist, genügt schon eine Unterschrift. Pixabay

Allerdings blieb die Umstellung nicht folgenlos: es setzten sich erst zwei, dann drei und fünf Kilo an meinem Bäuchlein an. Der Tagesplan wurde um Trampolinspringen und Reiten ergänzt, wobei mich bei den Ortswechseln nach wie vor ein Betreuer begleitete. Zu groß war die Gefahr, dass ich mich vor ein vorbeifahrendes Auto werfen würde.

Meine Familie sah ich lediglich am Wochenende, wenn mir abwechselnd Heimataufenthalt oder Besuch gestattet war. Ansonsten schrieb ich mir die Finger wund – ganz klassisch auf Briefpapier. Smartphones nämlich wurden direkt zum Einzug abkassiert, da neben Spindeldürren und zu Tode Betrübten auch Unberechenbare auf Station lebten.

Die Schwestern aber waren bemüht, uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen: Bevor wir zum Ende der Therapiewoche den Weg ins Kino nahmen, schwang ein Zweierteam die Kochlöffel. Sogar Fahrradausflüge blieben uns dank der sportambitionierten Leitung nicht vorenthalten.

Ein steiniger Weg

Doch der Schein soll nicht trügen! Von Montag bis Freitag nämlich besuchte ich die Klinikschule, um in Mathe und Deutsch am Ball zu bleiben. Nur ungern wollte ich die Klasse wiederholen! Eine Freundin also war so freundlich und schickte mir sämtliche Unterlagen zu. Doch mit der Konzentration war es nicht weit her. Die Nebenwirkungen der Tabletten einfach zu stark.

Außerdem hatten die Gespräche mit der Psychiaterin noch nicht die gewünschten Erfolge erzielt. Ich lebte nach wie vor für andere und verbrachte die Nacht auf einer einfachen Matratze im Überwachungszimmer – bis nach vier Monaten endlich ein Lichtblick am Horizont erkennbar ist. Die Stimmungsschwankungen Normalmaß annehmen.

Mag sein, dass es an meinen ausführlichen Tagebucheinträgen  lag. Hauptsache das Entlassungskomitee ist überzeugt und ich kann wieder auf freiem Fuß leben…

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