Depression: Schwarz wie die Nacht

Weihnachten steht kurz bevor. Die Menschen schieben sich zu den Klängen von „Oh du fröhliche…“ durch die Regale. Selbst die Verkäuferin strahlt wie ein Lebkuchenpferd. Bei mir dagegen liegt jede Hoffnung begraben. Ich schluchze wie ein Schlosshund, die Nagelschere in der Hand. Gleich ist es für alle Male geschehen.

Der Plan ist durchkreuzt – Mama eilt herbei. Als pharmazeutisch – technische Assistentin und Ehefrau hat sie mich und meinen Bruder in der Kleinstadt aufgezogen. Am Wochenende schnürten wir meist die Wanderschuhe oder machten die Piste unsicher. Das Fichtelgebirge lag schließlich vor der Tür.

Sobald allerdings die Schule losging, verschoben sich die Prioritäten. Ob Handwerken oder Heimatkunde. Ich gab immer 150 Prozent, sodass die Hausaufgaben teils bis in den Abend hinein dauerten. Für Freunde blieb wenig Zeit. Doch der Übertritt ans Gymnasium war gesichert.

Die Karriereleiter empor

Der Unterricht war nun etwas straffer organisiert, was sich mit meinen Tagträumereien weniger gut vertrug. Von daher führte Papa kurzerhand einen Notenschlüssel ein, der meinen Ehrgeiz weiter schürte. Zum Zeugnis gab es von da an immer Bares auf die Hand. Um Ferienjobs brauchte ich mich daher nicht mehr kümmern. Dann stand Erholung an.

Während andere noch nie im Flieger saßen, hoben wir mindestens ein Mal im Jahr ab, um uns im Süden die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Zieldestination war stets ein Ressort – mit Sternen gekrönt. Das Buffet ließ demzufolge keine Wünsche offen. Höchstens die Animation: Denn nach dem Urlaub musste der Waage natürlich ein Schnippchen geschlagen werden.

Wer bin ich? Was will ich?

Außerdem überkam mich der Alltag mit voller Wucht: Mein Ehrgeiz erregte nicht nur bei den Lehrern für Aufsehen, auch einige Mitschüler beäugten mich kritisch. Dass ich darüber hinaus lieber kletterte statt Feiern zu gehen – das machte es nicht leichter. Im Gegensatz zu jetzt war das Bouldern damals für viele nämlich noch ein weißes Blatt.

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Mit der Diagnose „Depression“ fühlt man sich im ersten Moment ziemlich klein.. Das dem nicht so ist, beweist Tobias Katze in seinen Lesungen.  Pixabay

Mit 14 Jahren mitten in der Phase der Selbstfindung litt ich also unter Einsamkeit gepaart mit wochenlangen Kopfschmerzen, die sogar meine Kinderärztin rasend machten. Homöopathie, Akupunktur… die Liste der damals gängigen Heilmittel war erschöpft. Doch die gute Frau gab mich nicht auf und zog noch einen letzten Trumpf aus dem Ärmel: Psychotherapie.

Eine Therapie namens Klettern

Ich gab der Psychotherapeutin eine Chance. Nahm einmal wöchentlich in der Sitzecke Platz. Doch die Fragen verwirrten mich und ich dachte mir im Stillen: ‚Verrückt bin ich ja nicht! Ich suche nur Hilfe wegen der Migräne – und begebe mich lieber wieder in die Vertikale. Dort fühle ich mich wohler.‘ Gesagt, getan. Die erste Flucht ist gelungen.

Mit Chalk an den Fingern und Käsearoma in der Nase verbrachte ich intensive Stunden in der Kletterhalle. Die Minderwertigkeitsgefühle wichen dem Siegeswillen. Auch Wettkämpfe standen an. Denn Talent hatte ich schon während meiner ersten Kraxelversuche bewiesen.

Gefangen in der Abwärtsspirale

Sobald ich nach dem Training aber geschafft im Bett lag, ging die Grübelei von vorne los. Tränen flossen. Die Nacht ist durchwacht. Der Albtraum geht weiter: während sich die Mitschüler über das letzte Date unterhalten, quält mich die Müdigkeit. Die Aufmerksamkeit ist – wenn überhaupt vorhanden – auf Bedrohungen aus der Klasse gerichtet.

Noch lange nach Schulschluss quält mich das Gefühl, es gäbe eine Verschwörung gegen mich. Die Trauer drückt mich zu Boden. Der Alltag erliegt. Und ich frage mich, welchen Sinn mein Leben noch hat.

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